Werk

„Heut Nacht den Plan zu einem Denkmal für Peter gefaßt,…Das Denkmal soll Peters Gestalt haben, ausgestreckt liegend, den Vater zu Häupten, die Mutter zu Füßen, es soll dem Opfertod der jungen Kriegsfreiwilligen gelten.“ Käthe Kollwitz 1.12.1914

Der Mensch im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt der Kunst von Käthe Kollwitz steht der Mensch in seiner Würde, seiner Verletzlichkeit und seiner Beziehung zu anderen Menschen. Neben zeitlosen Themen wie dem Verhältnis von Mutter und Kind sowie Liebe und Tod, hat sich Käthe Kollwitz auch mit existenzbedrohenden Problemen wie Hunger und Krieg, mit all seinen Folgen auseinandergesetzt. Dabei zeigt sie in ihren Arbeiten keine politischen Lösungsansätze, vielmehr sind ihre Grafiken und Plastiken Appelle an die Besinnung auf humanistische Werte und ein menschenwürdiges, respektvolles Miteinander. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person sowie ihre Suche nach der Rolle in der Gesellschaft widerspiegelt sich in der großen Zahl von Selbstbildnissen. Kollwitz entwickelte ihre Kunst vom Erzählerischen zum konzentriert gestalteten Einzelmotiv. Sie verliert im ersten Weltkrieg ihren Sohn Peter, im zweiten ihren gleichnamigen Enkel. Die um ihr Kind Trauernden führt sie als Leitthema zu einem bedeutenden Stilwechsel.

Sturm. Blatt 5 aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand. Zwischen 1893 und 1897. Eine Gruppe von Menschen möchte in den Innenhof eines Hauses. Das eiserne Tor ist geschlossen. Zwei Hände halten Äxte nach oben. Im Vordergrund sammeln Menschen Pflastersteine auf. Rechts im Bild beobachtet eine Mutter mit zwei Kindern, eines auf dem Arm, das andere an der Hand, das Geschehen.
Sturm. Blatt 5 aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand. Zwischen 1893 und 1897

Künstlerisches Frühwerk

"Jetzt war es dem Vater lange klar, daß ich zeichnerisch beanlagt war, er...wollte mich ganz zur Künstlerin ausbilden. Leider war ich ein Mädchen, aber auch so wollte er alles daransetzen." Käthe Kollwitz Erinnerungen 1923

Bereits früh fiel das zeichnerische Talent von Käthe Kollwitz auf, welches sich in den Arbeiten „Selbstbildnis“ und „Handstudie“ zeigt. Bald wandte sie sich der Druckgrafik zu, die um 1880 großes Aufsehen erregten. Obwohl es damals erhebliche Vorbehalte gegen Frauen in der Kunst gab, wurde die junge Künstlerin sehr schnell mit dem Zyklus „Ein Weberaufstand“ berühmt. Bis 1908 folgte der Radierzyklus „Der Bauernkrieg“. Neben Massenszenen konzentrierte sie oftmals ihre Motive auf wenige handelnde Personen. Als Beispiele sind hier zu nennen „Beim Dengeln“, „Auf dem Schlachtfeld“ oder „Vergewaltigt“. Zum Erfolg der Künstlerin trug maßgeblich das Dresdner Kupferstichkabinett bei. Der damalige Direktor Max Lehrs (1855–1938) förderte Kollwitz’ Arbeit durch eine systematische Ankaufstätigkeit seit 1898. Bis heute beherbergt das Kupferstich-Kabinett mit 252 Druckgrafiken, vier Mappenwerken und 21 Zeichnungen eine der weltweit bedeutendsten öffentlichen Sammlungen von Werken der Künstlerin.

Nie wieder Krieg!

„Ich weiß überhaupt nicht, wie das alles noch einmal anders werden soll. Der Krieg entblößt einen Abgrund von Haß, Roheit, Dummheit und Lüge.“ Käthe Kollwitz 29.05.1915

Am 30. Oktober 1914 erfährt Käthe Kollwitz vom Tod ihres Sohnes Peter. Intensiv setzt sie sie danach mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen auseinander. Sie ringt um die geeignete Technik für einen „Kriegszyklus“, der autobiografische Inhalte zeigt. Im anspruchsvollen Holzschnitt findet sie ein Medium, um diese schreckliche Zeit angemessen in eine bildliche Form umsetzen zu können. Neben ihrer Holzschnitt-Folge »Krieg« entstehen im Umfeld, auch bereits während des Ersten Weltkrieges, Graphiken und Zeichnungen, Plakate und Plastiken gegen den Krieg. Peter Kollwitz wurde auf dem deutschen Soldatenfriedhof Esen-Roggeveld in Westflandern beigesetzt. 1932 wurde dort ihre Granit-Figurengruppe Trauerndes Elternpaar errichtet.

1935 erhält Käthe Kollwitz unter der Regierung der NSDAP ein inoffizielles Ausstellungsverbot, welches ihr die Breitenwirkung versagt.

"Ein junger Mann erhebt mit leidenschaftlicher Gebärde die Hand zum Schwur, sein Arm ist, die ganze Bildhöhe ausfüllend, emporgereckt; die linke Hand hat er zur Bekräftigung des Eids auf sein Herz gelegt und sein Mund ist aufgerissen zu dem Ruf: »Nie wieder Krieg!« Eindringlich hat dieser beschwörende Appell, durch den Käthe Kollwitz den Betrachter zur Identifikation auffordert, in dem Jungen Gestalt angenommen. Dieser steht gegen einen scharfen Wind gewandt, die Haare wehen, sein Gesichtsausdruck verrät äußerste Anspannung. Die Darstellung wird – graphisch ideal gelöst – durch die schwungvolle Handschrift der Kollwitz ergänzt. Der das Bild beherrschende, hochgereckte Arm überschneidet teilweise das von der Kollwitz zweimal kräftig unterstrichene Wort ›Krieg‹ und dient so gleichzeitig als Ausrufezeichen."
Käthe Kollwitz, zwei wartende Soldatenfrauen, 1941-1943, Bronze, eine Frau sitzt erhöht mit gesenktem Blick, sie hat die Hände aufeinander gelegt, am Boden sitzt an ihrer Seite eine zweite Frau, auch ihre Hände liegen auf dem Schoss ineinander, ihr Kopf lehnt nach hinten gelegt an der Schulter der anderen Frau
Käthe Kollwitz, zwei wartende Soldatenfrauen, 1941-1943, Bronze, Seeler, 43 l.B.1

Plastisches Arbeiten

„Indem ich in diesen Jahren immer ganz still und heimlich Plastik arbeitete, hatte ich das Gefühl, ich brauche nur wieder auszustellen und mein Name ist wieder so in Ehren wie früher. Jetzt ist mir das plötzlich fraglich geworden.“ Käthe Kollwitz 08.02.1916

Käthe Kollwitz ist beinahe 37 Jahre alt, als sie sich der Plastik zuwendet und 1904 in Paris einen achtwöchigen Bildhauerkurs an der Académie Julian belegt. Immer wieder zweifelt sie jedoch am Ausdruck ihrer Plastiken und der Form ihrer Werke. Sie widmet sich neuen Radierungen. „Merkwürdig, wie sich jetzt wieder mal die Schleusen fürs Zeichnen öffnen.“ (Käthe Kollwitz 17.12.1917)

Ab den 1930er Jahren tritt die Plastik erneut in den Vordergrund. Käthe Kollwitz fertigt in dieser Zeit meist Kleinplastiken.

Das Motiv Tod

„Von Hans eine Karte. Er meldet sein Kommen an. Schreck und Freude. Am Tage alles für ihn vorbereitet. Merkwürdig wie sein Kommen bei aller Freude auch immer so heftig den Schmerz um das Nichtkommen des andern erregt.“ Käthe Kollwitz 01.05.1916

Käthe Kollwitz wird in der Arztpraxis ihres Mannes im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg nahezu täglich mit den existenziellen Sorgen der Arbeiterfamilien konfrontiert. Die hohe Kindersterblichkeit und überhaupt die prekäre Situation der Kinder des Großstadtproletariats thematisiert sie unter anderem in ihren Zeichnungen für die satirische Wochenzeitschrift Simplicissimus. Im Jahr 1923 veröffentlicht Käthe Kollwitz unter dem Titel »Abschied und Tod« eine Mappe mit Reproduktionen von acht Zeichnungen.

Der Tod als Motiv beherrscht auch das Spätwerk der Künstlerin. Das Ausscheiden des Schwagers und Bruders lassen sie ein Grabrelief für das Familiengrab schaffen. In den Jahren 1934 bis 1937 entsteht der lithografische Zyklus „Tod“, der acht Blätter umfasst. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erinnert Kollwitz mit der Plastik „Pieta“ an die trauernden Mütter gefallener Soldaten.

Selbstbildnis mit Karl Kollwitz, 1938-1940 Kreide, gewischt, auf gelblichem Ingres-Bütten, NT 1276 Ihren Mann Karl zeichnet die Künstlerin zeitlebens nur wenige Male. Eine Ausnahme stellt ihr »Selbstbildnis mit Karl Kollwitz« dar. Es ist unbekannt, wann genau diese Arbeit zu datieren ist. Denkbar wäre, dass sie sogar erst nach seinem Tod am 19. Juli 1940 entstanden ist. Auf dem aus dem Hellen ins Dunkle gearbeiteten Doppelporträt sieht sich der Betrachter einem typisierten Altersbild gegenüber: Die Jahre haben beider Rücken gekrümmt, in einmütigem Nebeneinander richtet sich ihr Blick in unbestimmte Ferne – er sich auf den Gehstock stützend, während ihre Hände, auf dem Schoß ruhend, ein Buch umschließen. In sich gekehrt scheinen Käthe und Karl Kollwitz ihre intensive, fast 50-jährige Gemeinschaft zu überblicken. Licht und Schatten lassen trotz individueller Profilkonturen ihre Silhouetten zu einer Form verschmelzen. Die Einheit der beiden Figuren mag so als ein liebevolles Bekenntnis der Künstlerin zu ihrem Mann gelesen werden – nun, im Alter, jenseits aller Erschütterungen und Schicksalsschläge: das Buch des Lebens ist zugeschlagen. In dieser Kohlezeichnung kulminiert die Grundtendenz der künstlerischen Geste, von der das Spätwerk der Kollwitz bestimmt ist. Sie entwirft ein Denkmal nicht allein für ihre Partnerschaft – neben Individualität kommt hier Allgemeingültigkeit zum Ausdruck. Nur zu deutlich wird, dass diese beiden Menschen keine Kraft mehr haben, sich gegen das Schreckensregime der Nationalsozialisten zu erheben.
Selbstbildnis mit Karl Kollwitz, 1938-1940 Kreide, gewischt, auf gelblichem Ingres-Bütten, NT 1276